Freitag, 18. Februar 2011

Entwarnung - Oder: Japaner sind auch nur Menschen

Kurz Vorweg: Ich bin großer Japan-Fan und bringe diesen Menschen und ihrer Kultur großen Respekt entgegen. Trotzdem (oder gerade deshalb?) ist es mir gerade ein Anliegen, zu klären, daß Japaner auch nur Menschen sind.



Worum geht es eigentlich? Wenn man die Buchhandlungen oder das Internet nach Informationen durchstöbert, stößt man unweigerlich Zahlreiche Seiten, Bücher und Informationen, die uns barbarische Westler anleiten sollen, wie man sich in Japan richtig zu benehmen hat. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, und einige dieser Werke treffen den richtigen Ton und verstehen es, mit Witz und Charm die kulturellen Unterschiede aufzuzeigen und zu erklären, und dabei Interesse zu wecken, während man gleichzeitig auf unterhaltsame Weise etwas lernen kann. Ein Beispiel hierfür, das mir viel Freude beim Lesen bereitet hat, ist dieses hier: Fettnäpfchenführer Japan: Die Axt im Chrysanthemenwald.

Daneben gibt es aber auch leider zahlreiche Beiträge, die einfach nur abschreckend und engstirnig geschrieben sind, und sich lediglich auf die Ausbreitung von Clichées beschränken. Oftmals entsteht dabei ein Bild, welches Japan als gnadenlose Kultur und unbarmherzigen Bewohnern portraitiert, was jeden Besucher unmittelbar in Angstschweiß ausbrechen läßt ob der Frage, ob tatsächlich der lokale Knigge eingehalten wurde, oder welchen Faux-Pas man gerade versucht, krampfhaft zu vermeiden.

Diese Artikel sind gefüllt mir Floskeln wie "Keinesfalls dürfen Sie..." oder "Vermeiden Sie es unbedingt..." und dergleichen. Viele dieser Artikel erzeugen oftmals nur eins: Einerseits (für diejenigen, die ohnehin nicht vorhaben, dieses schöne Land zu besuchen) Schmunzeln über die Ach-so-engstirnige Kultur, die sich in ihrer Entwicklung noch im Mittelalter zu befinden scheint. Andererseits (für alle Japaninteressierten) die Erzeugung von Streß und Angst davor, was man alles falsch machen kann, wenn man sich denn tatsächlich mal aufmacht, und eine Reise ins Land der aufgehenden Sonne zu wagen.

Daher die gewählte Überschrift dieses Artikels. Nachdem ich wieder einmal über einen derartigen Bericht gestolpert bin, der Japan mit seinen ganzen Benimm-Fallen als alles andere als ein einladendes Land darstellt, war es mir ein großes Anliegen, hier zu intervenieren - ja, eine kleine Entwarnung zu geben!

Zugegeben, Japan ist ein Land, in dem vieles grundlegend anders ist, als wir es aus der westlichen Kultur gewohnt sind. Was wir allerdings gemein haben (nicht nur mit Japanern, sondern mit allen aufgeschlossenen Menschen), ist das gegenseitige Interesse. Der Japaner an sich hat oftmals kaum Gelegenheiten, die eigene Heimat zu verlassen, weswegen man als Nicht-Japaner schon das eine oder andere Mal bestaunt wird, so wie auch wir uns beim Anblick einer Geisha oder eines Samurais in voller Montur in einer deutschen Großstadt die Hälse verrenken würden. Dieses Interesse oder diese Neugierde ist ganz natürlich, und es ist schön, sich darauf einzulassen, und gegenseitig die Kulturen austauschen zu können. Keinesfalls ist es so, wie es oft in diversen "Kniggeführern" und der gleichen dargestellt wird: die Japaner warten NICHT nur darauf, daß sich der 馬鹿外人, der dumme Ausländer, einen Patzer leistet, um diesen dann gnadenlos zu ahnden oder wütend darüber zu richten. Natürlich gibt es vieles, was man als Westler nicht weiß oder nicht versteht, aber da wir in diesem Land so deutlich als Exot, als Außenseiter auffallen, sind uns diese Patzer im Rahmen auch vergönnt.

Selbstverständich gibt es Dinge, die man vermeiden sollte, aber dies gebietet bereits der gesunde Menschenverstand. Bei kleinen "Schnitzern", die in unserer Kultur vielleicht normal sind, oder einfach einen anderen Stellenwert haben, wird darüber geschmunzelt, und die Japaner werden den Reisenden gerne und höflich darauf aufmerksam machen, welches Verhalten beim nächtsten Mal vermieden werden sollte. Hieraus kann ein schöner Dialog und Kulturaustausch entstehen (wenn man eine gemeinsame Kommunikationssprache findet), und zumindest hat man vielleicht nach einem Tritt ins Fettnäpfchen ein paar Japanern eine lustige Anekdote des Tages geboten, die sie beim nächsten Mal ihren Freunden, Kollegen oder Familie erzählen können.

Wichtig ist es meiner Meinung nach, nicht zu versuchen, japanischer zu sein, als die Japaner selbst. Wenn man Respekt und offenheit gegenüber der fremden Kultur zeigt, ohne gleichzeitig sich selbst und seine eigenen Wurzeln aufzugeben, kann man eigentlich nicht allzuviel falsch machen. In Japan ist es vielleicht nicht üblich, beispielsweise einer Frau die Tür auzuhalten oder in den Mantel zu helfen, und ein "sayonara" zur Verabschiedung aus dem Supermarkt wird mit Lachen quittiert (hat eher ein Gefühl von "Lebewohl!" als "Auf Wiedersehen."), aber derartige Unterschiede werden interessiert aufgenommen und helfen, die unterschiedlichen Denkweisen auszutauschen. Diese De-Mystifizierung Japans ist hilfreich und nötig, um Ängste abbauen zu können und den Kulturaustausch zu fördern. Deswegen bitte immer daran denken: Japaner sind auch nur Menschen!

Kommentare:

  1. "...nicht zu versuchen, japanischer zu sein, als die Japaner selbst."
    Das hat sogar gleich zwei Vorteile. Zum einen ist man selbst entspannter und zum anderen versuchen einen die Japaner auch erst gar nicht nach ihren eigenen Maßstäben zu messen. Ab einem gewissen Level an Sprach- und Landeskenntnissen kann einem das sonst durchaus passieren. Dann erzeugen Fehler Unverständnis oder gar Verärgerung (nach dem Motto - wenn er sich so gut auskennt, warum weiß er gerade das nicht?).
    Anders gesagt: die Ansprüche, was man gefälligst wissen und beachten sollte, steigen mit zunehmenden Kenntnissen. Also besser gleich bescheiden tun und guten Gewissens ein gut integrierter Ausländer bleiben.

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  2. Dein Blog ist großartig! Ich liebe es! :)

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  3. Vielen Dank, ich freue mich, daß es Dir gefällt!

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  4. Ich lerne nun seit einiger Zeit in meiner Freizeit Japanisch und behersche bis jetzt カタカナ :).
    Komme leider nicht oft dazu, weil ich Arbeiten muss und auf die Abendschule, aber ich will Hiragana auch noch nächsten Monat lernen!

    Die ganzen Artikel im Internet haben mir echt teilweise Angst gemacht, ob es wirklich so ist als "gaijin" in Japan, aber ich habe mir auch immer gedacht, dass Japaner nur Menschen sind. Überall, wo ich in der Welt bis jetzt war, sei es irgendwo in Europa oder in einem arabischem Land, man konnte immer eine Menge Gemeinsamkeiten finden!

    Ich freue mich auf meinen Ausflug nach 日本, den ich irgendwann in der Zukunft unternehmen werde!

    Toller Artikel, hat mir wieder Mut gegeben.

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